EINE GEMEINDE IM DIALOG
WIR VERSTEHEN UNS BESSER WENN WIR
MEHR MITEINANDER REDEN
ODER WENN WIR MEHR HINHÖREN?
Bevor ich näher auf den Dialog eingehe, möchte ich vorher noch einiges zum Konfliktverständnis aus indigener Sichtweise sagen: Wenn wir versuchen Konflikte zu lösen, gibt es oft die Annahme, dass Konflikte schlecht sind oder dass sie irgendwann enden oder gelöst werden könnten.
Beide Annahmen sind nicht wahr. Konflikte sind ein natürliches und immer wiederkehrendes Phänomen in menschlichen Beziehungen und richtig betrachtet können sie Anstoß zu Wachstum und Veränderung sein.
Konflikte verändern die Art und Weise wie wir uns gegenseitig sehen, wie wir miteinander kommunizieren und wie wir uns miteinander organisieren.
Deswegen sollten wir uns in Konflikten das Ziel setzen nicht diese zu lösen, sondern diese als Werkzeug zur Transformation und Veränderung unserer Sichtweisen, Beziehungen und sozialen Strukturen verstehen und verwenden. Konflikte haben eine “Ursache - Wirkung” Natur. Es gibt viele Ursachen für Konflikte: Alte Wunden, Missverständnisse, schlechte Kommunikation, mangelnde Transparenz, unfaire oder ungleiche Behandlung, Mangel an nötigen Ressourcen etc. etc. Eine Möglichkeit ist es zu versuchen die Ursachen der Konflikte zu bereinigen.
Wenn gänzlich unterschiedliche Sichtweisen aufeinander prallen haben wir eine enorme Gelegenheit alte Denkweisen zu transzendieren und neue Perspektiven zu entwickeln.
Sitting Bull - Tatanka Iyotaka (großer Büffelbulle der ruht), widersetzte sich bis zu seinem Tod der Übernahme und war der letzte Häuptling, der sein Gewehr abgab.
Als eine Hungersnot ihn schließlich dazu zwang,
sich und seine Bande der Lakota 1881 in die Hände
des Kommandeur von Fort Buford in Montana
zu begeben, weigerte er sich immer noch,
sein Land zu verkaufen und sprach unter anderem auch diese obigen berühmten Worte.
Unsere Bereitschaft mitfühlend, kreativ und offen zu sein, ist was den Raum für Neues öffnet. Dieser neue Weg formt sich, dann wenn beide Seiten in der Lage sind die Nöte der anderen Seite wahrlich zu hören und anzuerkennen.
Wenn diese Nöte/Standpunkte gründlich berücksichtigt und verbunden werden entsteht etwas Neues. Diese ganze Arbeit basiert auf Vertrauen.
Um Konflikte konstruktiv zu bewältigen, müssen Gruppen zuerst Vertrauen etablieren. Es braucht einen sicheren Raum, wo jeder traut sich frei zu äußern und wo alle Teilnehmer ihre Sichtweisen, Bedenken, Fragen (die vielleicht auch sensible sind) einbringen können, ohne Angst haben zu müssen dafür angegriffen zu werden.
Es gibt viele Qualitäten die wichtig sind um eine gute Kommunikation zu ermöglichen, einige der wichtigsten sind Respekt, Freundlichkeit und die Fähigkeit eigene Beurteilungen zu suspendieren und mit dem Herzen zu hören.
In indigenen Kulturen wird beim Redekreis oft ein Redestab (oder eine Feder) verwendet, der von Mensch zu Mensch weitergeben wird, damit jeder die Möglichkeit bekommt sein Anliegen einzubringen ohne unterbrochen zu werden und damit jeder im Kreis gehört wird.
Das Tipi in Leutasch bietet hierfür mit seiner besonderen Atmosphäre einen angenehmen und geschützten Raum in der Natur und das Feuer ladet zur Achtsamkeit ein bewusst aus dem Alltag auszutreten und miteinander im Kreis zusammen zu finden, um Abstand zu gewinnen und auf neue Gedanken, Sichtweisen und Lösungen zu kommen.
Nicht nur bei indigenen Kulturen und Völker sondern auch in unseren Breiten kamen einst unsere Ahnen im Kreis ums Feuer zusammen, wenn es darum ging miteinander neue Lösungen zu finden oder Konflikte zu lösen, denn unser Leben und Überleben war schon immer von unserer Fähigkeit zur kooperieren und unserer Bereitschaft von einander zu lernen abhängig.
Beim Dialog handelt es sich keineswegs um eine neuzeitliche Idee. Der Dialog ist eine Form der zwischenmenschlichen Begegnung und Auseinandersetzung sowie der Kommunikation, welche seit der frühesten Menschheit existiert und in dessen Zentrum ,,Prozesse gemeinsamer Verständnisbildung’’ stehen. Seine Tradition reicht über die griechische Agora (Marktplatz) der Antike bis hin zu Martin Buber und David Bohm (und vielen anderen wie Carl Rogers…)
Im sokratischen Dialog geht es darum, dass sich die an einem Gespräch beteiligten Personen als fragend bzw. nicht- wissend begreifen und darum bemüht sind, gemeinsam einer Sache näher zu kommen, um diese schließlich verstehen zu können. Der Dialog lebt von gegenseitigem Respekt, schöpferischem Zuhören – d.h. davon, etwas auf sich wirken zu lassen – und er lebt vom sich authentisch mitteilen Können.
Der Dialog unterscheidet sich deutlich von der Diskussion. In der Diskussion geht es vordergründig um das Durchsetzen der eigenen Meinung, im Dialog wird das Potenzial des anderen einbezogen. Der Dialog lässt unterschiedliche Sichtweisen zu sowie die Gesprächspartner an den Gedanken des anderen teilhaben.
Nach Buber kann der Mensch erst durch solche Wechselwirkung seine Individualität entfalten. Unter diesen Bedingungen reifen Menschen persönlich, in Gruppen praktiziert entfaltet sich die Intelligenz der Gruppe. So gelingt eine Partizipation an den Gedanken der Person, die mir gegenübersteht. Diese Partizipation zweier Partner an einem gemeinsamen Prozess ist für Buber Teil dessen, was er mit dem Begriff »eines Menschen innewerden« beschreibt.
Von David Bohm wird Dialog definiert als ein »beständiges Hinterfragen von Prozessen, Sicherheiten und Strukturen, die menschlichen Gedanken und Handlungen zugrunde liegen.« Er führt die Gedankengänge von Buber fort. So wird für ihn der Dialog Eckpfeiler bei der Entwicklung lernender Organisationen, er kann ein wirkungsvolles Instrument sein, um in selbstorganisierten Gruppen den Erkundungsprozess zu erweitern und zu vertiefen.
Wir versuchen, im Dialog von dem zu sprechen, was uns wirklich bewegt, und verzichten auf intellektuelle und abstrakte Abhandlungen. Wir verlangsamen den Prozess, um Wahrnehmung und Beobachtung einen hohen Stellenwert zu geben.
Die dialogische Haltung hält dazu an, uns ständig um Achtsamkeit und Präsenz zu bemühen und uns für das Wesen des anderen zu sensibilisieren, sowohl für das Wesentliche im anderen als auch für die eigenen Wahrnehmungsmuster, Urteile und Bewertungen.
Die dialogische Haltung bedeutet auch und gerade im beruflichen Kontext, bereit zu sein, sich selbst mit seinem Menschsein in die Begegnung mit dem jeweiligen Gegenüber einzubringen. Ich respektiere die Meinung des anderen – sie ist genauso wichtig wie die meinige.
Wertschätzende Kommunikation fördert das gegenseitige Verstehen, schafft Verbindung zwischen Menschen und erleichtert den Umgang miteinander. Sie prägt eine Haltung, die Abwertungen vermeidet und einen wohlwollenden Blick auf uns selber und unsere Mitmenschen ermöglicht.
U M D E N K RE I S Z U S C H L I E S S E N
Nicht ohne Grund haben deshalb indigene Völker und Kulturen bei Entscheidungen die wichtig waren oder die das Überleben des Stammes betroffen haben, besonderen Wert auf Konsens-Entscheidungen gelegt.
Nur durch eine Konsens-Entscheidung konnte gewährleistet werden, dass jeder gehört wurde und dadurch das ganze vorhandene Potential und alle möglichen Standpunkte und Sichtweisen berücksichtigt wurden.
Es konnte ja zum Beispiel, auch wenn sich sonst alle im Stamm einig waren, dass sie nach Süden reiten müssen um ihr Winterlager aufzustellen, der eine der sich sicher war, dass bald große Büffelherden im Norden auftauchen werden, recht behalten.